[Korruption auf den Philippinen] HOW TO STAND UP TO A DICTATOR - Deutsche Ausgabe #7/128
»Sie glauben, er ist Elvis Presley«, hatte Mom geflüstert.
Auf dem Flughafenparkplatz stiegen wir in einen dunkelblauen VW Käfer und fuhren etwa anderthalb Stunden in Richtung Süden. Die Heizung im Auto war für meine Schwester und mich etwas Neues. Nach einer Reise, die mehr als vierundzwanzig Stunden zuvor am anderen Ende der Welt begonnen hatte, erreichten wir unser Ziel, ein Vorstadthaus in der Neubausiedlung Toms River, New Jersey. Wir luden unser Gepäck aus. Im dünnen Schnee auf der Einfahrt hinterließ ich eine deutlich sichtbare Fußspur. Dann betraten meine Schwester und ich unser neues Zuhause. Mein neuer Vater und meine Mutter erklärten uns später, dass er die Adoption beantragen und unseren Nachnamen formell in Ressa ändern lassen wolle.
Ich hatte ein Land in Aufruhr hinter mir gelassen. Etwas mehr als ein Jahr zuvor, am 21. September 1972, hatte Präsident Ferdinand Marcos das Kriegsrecht verhängt und den größten Fernsehsender, ABS-CBN, der immer ein Zentrum der Medienmacht gewesen war, geschlossen. Marcos’ Ein-Mann-Herrschaft sollte eine neue Ära für die Philippinen einläuten, die bis dahin übermächtig von den Vereinigten Staaten geprägt worden waren. »Die territoriale Eroberung begann und endete auf den Philippinen«, schrieb mein Freund Stanley Karnow in seinem Epos In Our Image: America’s Empire in the Philippines . »Die Amerikaner versäumten es, eine funktionierende und unparteiische Verwaltung aufzubauen … also wandten sich die Philippiner an Politiker statt an die Bürokratie, wenn sie Hilfe brauchten, eine Praxis, die Vetternwirtschaft und Korruption förderte.«
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Feudale Vetternwirtschaft und endemische Korruption sollten auf den Philippinen nie ganz verschwinden. Marcos, der 1965 inmitten schwerwiegender wirtschaftlicher Probleme erstmals gewählt wurde, war der erste und einzige philippinische Präsident, der für eine zweite Amtszeit wiedergewählt wurde. Im Wahlkampf warb er mit nationaler Identität und Unabhängigkeit von den Vereinigten Staaten.
Nachdem Marcos das Kriegsrecht verhängt hatte, ratifizierte der Kongress die Verfassung von 1973, die immer noch der US-Verfassung nachempfunden war, nun allerdings mit Überarbeitungen, die Marcos’ Macht sicherten. Diese wurde später vom Obersten Gerichtshof gebilligt und ermöglichte es Marcos, seine Macht für die nächsten vierzehn Jahre »legal« zu festigen und zu erhalten – Jahre, die ich in meiner neuen Realität in den Vereinigten Staaten verbrachte.
Unsere Familie glaubte an Amerika: Man arbeitete hart, zahlte seine Steuern und bekam, was man verdiente. Die Welt ist gerecht – das war es, was der Gesellschaftsvertrag implizit bot. Meine Eltern haben die Erosion dieses Vertrags über Jahrzehnte miterlebt. Ich weiß, was das mit den Menschen macht, wie Unsicherheit und Angst wachsen, wie diejenigen, die hart arbeiten und sich an die Regeln halten, sich betrogen fühlen, wenn Versprechen gebrochen werden. Wenn dann noch die sozialen Medien und Informationskampagnen hinzukommen, werden genau diese Menschen empfänglich für Lügen.
Peter Ressa bei einer Verabredung mit Hermelina Delfin vor der Freiheitsstatue, 1971.
Peter Ames Ressa wurde in New York City geboren und gehört zur zweiten Generation von Italo-Amerikanern. Mit sechzehn brach er die Schule ab, um seiner Familie zu helfen, über die Runden zu kommen, und trat später eine Stelle als Datenerfasser bei der Investmentbank Brown Brothers Harriman & Co. an, wo er sich mühsam die Karriereleiter hinaufarbeitete. Als er das Unternehmen verließ, war er leitender IT-Manager für Großrechner. Dann ging er zu IBM. Harte Arbeit trieb ihn an, ebenso wie die außergewöhnliche Fähigkeit, sich an kleinste Details zu erinnern.
Er und meine Mutter waren sich auf den Straßen von New York City (buchstäblich) über den Weg gelaufen. Nach zweijähriger Beziehung heirateten sie 1972, und im folgenden Jahr wurde meine Schwester Michelle geboren. Nur eine Woche später baten meine Eltern meine Tante Annie, sich um ihr neues Baby zu kümmern, und flogen nach Manila, um Mary Jane und mich abzuholen. Für meine Mutter war es eine schwierige und zugleich siegreiche Reise.
Peter und Hermelina waren ein eindrucksvolles Paar, was all ihren Kindern bewusst war – als stünden die Eltern die ganze Zeit im Rampenlicht. In jenen Jahren sah ich die Vereinigten Staaten vor allem durch die Linse dieser hart arbeitenden, glanzvollen Figuren: Sie verließen das Haus vor Sonnenaufgang, pendelten zwei Stunden zu ihren Jobs in New York City und kehrten erst nach Einbruch der Dunkelheit zurück; sie arbeiteten rund um die Uhr.
Um Geld zu sparen, fing meine Mutter irgendwann an, unsere Kleidung selbst zu nähen, stellte dann aber fest, dass der damit verbundene Zeitaufwand das gesparte Geld nicht wirklich wert war. Als mein Bruder Peter Ames jr. und ihre Jüngste, Nicole, zur Welt kamen, führte ich die Einkaufstouren für den Schulanfang hinter meiner Mutter an und schob jeden August bei Grand Union, Sears und anderen Schnäppchenläden den Einkaufswagen. Ich wusste, wie man die billigsten Kleider und Schuhe aussuchte.
Während dieser Zeit bezahlte die Firma meines Vaters seine Weiterbildung und ermöglichte ihm so, die Highschool abzuschließen.